Meine Frau und ich, wir dürfen uns mittlerweile zu den Stammgästen zählen.
Stammgäste im Harz. In einem Hotel der Relaxa Gruppe, dem Relaxa Hotel Harz Wald in Braunlage im Harz.
Dabei ist dieses Mitteldeutsche Urlaubsgebiet gerade bei der Altersklasse der unter 35-Jährigen alles andere als beliebt.
Die jungen Leute beklagen: zu wenig Action, zu wenig Party, keine Strände, kein Meer. Dafür gäbe es Wälder, Berge und eine Menge alter Leute. Und all das ist korrekt. Wer in den Harz fährt erlebt zunächst eine atemberaubende Natur. Gerade wir Plattländer aus dem Oldenburger / Bremer Raum kennen ja sowas wie Berge nur von Postkarten. Und kaum ist man nach über 200km Autobahn endlich im Harz angekommen beginnt man auch zu verstehen, warum dieser Fleck Erde so beliebt bei Wanderen und vor allem Motoradfahrern ist. Stichworte: Berge, Wälder und… Serpentinen!
Der Turbodiesel schnauft sich im 4. Gang bei 80-90 km/h die Straßen hoch, an den 5. Gang ist nicht denken, weil man Angst hat die Drehzahl geht bei diesen Steigungen in die Knie und der ADAC muss kommen. Bei Schnee muss das hier die Hölle für Autofahrer sein, die Hölle für diejenigen, die bei solchem Wetter noch nie in den Alpen unterwegs waren. Bei Sonnenschein ist es ein Traum. Obwohl wir uns höchstens auf 700m über Normalnull bewegen glaubt man teilweise, dass die Wolken auf der Straße hängen. Einheimische mit den Kennzeichen GS oder OHA erkennt man nicht an eben den Selbigen, sondern daran, dass sie sehr geübt im Fahren durch den Harz sind. Denn Autofahren im Harz ist Mutprobe und Fahrtraining zu gleich. Manche “Pisten” laden geradezu zum Gasgeben ein, manch Kurve ist nachvollziehbar schon Endstation für den ein oder anderen PKW bzw Zweiradfahrer geworden.
Braunlage selbst liegt mitten im Harz, zwar immer noch im Westen der Republik, doch ist der eiserne Hauch der innerdeutschen Grenze auch hier noch nachvollziehbar, wenn man vom 971m hohen Wurmberg zum großen Bruder, dem Brocken (über 1100m) hinüber schaut.
Die Gipfel trennen zwar nur knappe 10-12km Luftlinie, doch dazwischen liegen Kilometer Wald… Flora und wilde Fauna.
Und das ist auch der Kernpunkt, was uns im Speziellen in den Harz zieht. Ist ist eben nicht dieses Probeschnuppern am Seniorendasein mit ihren Busfahrten, Ausflügen, Wanderungen und Kaffeenachmittagen, oder die Suche nach Party, Action usw. sondern genau das Gegenteil: Ruhe vor dem Alltag.
Wer im Harz auf den Gipfeln der höchsten Berge steht oder sitzt, für einen Moment inne hält und in die Ferne blickt (gerade vom Brocken ist der Ausblick gen Westen gigantisch) und zusieht, wie die Wolken Bilder auf die Aberkilometer Tannenwipfel werfen, der erfährt Ruhe und Naturerlebnis gleichermaßen. Wer durch die urigen Wälder wandert, lauscht automatisch, ob da nicht doch ein leises Hexenlachen oder Kichern eines Trolles zu hören war. Der Hexenkult ist im Harz ungebrochen. Im Gegenteil, allein im Spirituosensektor können unzählige Hexenbiere und Brockenschlucke eine Parade nach der anderen abhalten. Zudem machen Fleisch und Wurstwaren mit excellentem Geschmack und urigen Lebensgefühl während einer “autentischen” Brotzeit auf sich aufmerksam.
Auch die Aktiveren können im Harz auf ihre Kosten kommen, sei es im Winter – klar – mit Ski und Snowboard, aber auch im Frühling, Sommer und Herbst mit Mountenbikes, Monsterrollern und Wanderungen.
Doch der Harz kränkelt. Die Besucher bleiben seit Jahren fort. Entgegen dem bundesdeutschen Trend zum Urlaub im Heimatland verzeichnet der Harz insg. Besucherrückgänge. Das führt zu teils schlimmen Erscheinungsformen, was das Straßenbild betrifft. Nicht nur in Braunlage stehen kleinere Pensionen an den Hauptstraßen leer und werden dem Verfall anheim gegeben. In Halberstadt, knapp nordöstlich außerhalb des Harzes, stehen ganze Straßenzüge leer, sind Scheiben eingebrochen, Häuser verfallen. Es hat etwas Merkwürdiges in Mitten dieser imposanten Natur zu sein und z.B. scheinbar alleine in der Wurmbergseilbahn zu sitzen oder das Hotelschwimmbad für sich alleine zu haben. Irgendwie ein Gefühl von Luxus, aber irgendwie auch sehr befremdlich.
Aus “Hotelkreisen” war zu erfahren, dass der Harz auch für die großen Hotelketten langsam zur Herausforderung wird. 30- 50% Belegung bei laufenden Kosten wuppt man nicht mal eben so ewig weiter. Das 4 Sterne (dt. Kategorie) Haus Hotel Harz Wald der Relaxa Gruppe bietet teilweise die Nacht mit Frühstück schon ab 45€/p.P. an.
Minusfaktor Nr. 1: die Lage. Was einerseits unschlagbar anziehend für Biker und Wellness- und Wanderfreunde wirkt, ist für den Ottonormalurlauber schon mit ernstahfter, bewusster Planung verbunden, will er wirklich was erleben im Harz. Denn zunächst muss man erst mal mitten in den Harz kommen und dann dort auch umherfahren um wirklich jeden Tag etwas anderes erleben zu können.
Minusfaktor Nr. 2: der Ruf. Langeweileurlaub im Seniorenhotel, das möchte keiner wirklich. Tatsächlich ist der Seniorenschnitt im Harzurlaub recht ausgeprägt, obwohl man sich als junger, sportlicher Mensch sicher sein darf: ganz oben auf dem Berg kommen die ganz Kaputten eh nie an. Auch das Biken und Crosswandern werden sie einem nicht versalzen. Einzig die Saunen und Bäder werden sie einem vollschwitzen, obwohl so richtig stören tut das dort auch nicht. Die ganz Alten sieht man ehestens bei den Mahlzeiten, wobei man sich fragt, was die alten Hasen den lieben langen Tag hier oben eigentlich machen.
An den Unterkünften hat man eigentlich nichts zu rütteln, die meisten größeren Hotels können recht gut miteinander und geben sich qulitativ keine Blöße. Und die Betriebe im gebeutelten Harz wissen, das für sie eine Menge auf dem Spiel steht, wenn sie Gäste von auswärts bewirten. Es scheint gar, das jeder Gast heilig ist. Nicht verkrampft aber stets erfolgreich bemüht. Es ist der Kampf der Hotelerie gegen die drohende Bedeutungslosigkeit. Und das bei erhöhter Inlandsnachfrage im Urlaubssektor. Eigentlich ist der Harz zu schade für die zweite Wahl, nur weil an den Küsten mal wieder längst alle Hotels und Pensionen auf Monate ausgebucht sind. Und man ehrlich, dort hat man zwar Strand, aber das Wasser ist eh viel zu kalt zum Baden und echtes “Ballermann”-Feeling mag auch hier beim stets ansteigenden Altersdurchschnitt nicht so recht aufkommen.
Deshalb bleibt der Harz erst mal der Harz. Ein Geheimtipp für alle, die dem stressigen Alltag so richtig entkommen wollen um mal buchstäblich “über den Dingen” zu stehen.
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