Hamburg im Herbst 2010. Ein weiteres Mal besuche ich die Hansestadt an der Elbe, das Tor zur Welt. Berühmt für die Reeperbahn, den Hafen, die Landungsbrücken, die Alster, die Musicals und so vieles mehr. Wer als Auswärtiger nach Hamburg kommt und im Leben schon mal über den Tellerrand geschaut hat, bekommt was er erwartet: Emsiges, ruheloses, multikulturelles Treiben, mit dem kleinen verruchten Beigeschmack einer sündhaftigen Hafenstadt, die sich mit Ach und Krach am Puls der Zeit bewegen will, koste es was es wolle…! 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Man ist froh, ihr als auswärtiges “Landei” irgendwann wieder den Rücken zukehren zu können, diesem Ameisenhaufen aus Stahl, Beton, Glas, Asphalt und Menschen. Hamburg hinterlässt dennoch einen Reiz, der die allermeisten immer wiederkehren lässt um dem Charme der Stadt erneut zu erliegen und um neue Ecken zu erkunden.
Hamburg boomt, platzt aus allen Nähten und wächst in alle Richtungen, vor allem nach oben. In vielerlei Hinsicht. Hamburg ist dieser Tage offensichtlich lebendiger den je, alles andere als eine tote Stadt, in der “nichts abgeht”. Zahlreiche Firmen haben hier ihre Dependancen: Vatenfall, Edeka, Ergo-Versicherungen. Der NDR unterhält ein riesiges Gelände mitten in Hamburg, mehrere beeindruckende Klinikareale stellen die medizinische Versorgung der Hamburger sicher. Die “Häuser” der Hafen-City schießen wie Pilze aus der Erde. Der Bau der Elbphilharmonie kostet dort allein bald eine halbe Milliarde Euro. Und da ist es auch schon, das liebe Thema Geld. Denn Geld regiert nicht nur die Welt, sondern vor allem auch in Hamburg.
Wer in Hamburg dabei sein möchte, muss es haben und bereit sein, es auch wieder auszugeben. Und dies ordentlich. In Hamburg herrscht Mangel an Wohnungen. Zum einen insgesamt, zum anderen besteht ein Mangel an “bezahlbaren” Wohnungen, wobei auch das relativ ist. Es ist zwar einerseits so, dass viele Arbeitnehmer in Hamburg im Vergleich zum otto-normal Norddeutschen mehr Geld verdienen, dies ist andererseits auch zwingend nötig, um die teilweise bayovarisch anmutenden Mietkosten bewältigen zu können. So kostet der Quadratmeter (Info aus 1. Quelle) mal eben locker 30-50 Prozent mehr als in Bremen oder Oldenburg. Für eine kleine 1-Zimmerwohnung 600€ im Monat? In Hamburg kein Problem. Hinzu kommen häufig bekanntlich die Kaution, sowie ggf. Marklercourtage. Wer partout keine Wohnung finden kann, weil er ständig Lospech hat, der setzt auch gerne mal ein “Kopfgeld” auf die Vermittlung einer passenden Wohnung aus, häufig zwischen 500 bis 2000€ – zusätzlich zu den o.g. einmaligen Kosten. Wer hat, der hat. 
Und wer in Hamburg etwas hat, der zeigt das auch. Und da Wohnraum knapp ist und man sein Geld außenwirksam nur schwer in seine Etagenwohnung stecken kann, muss eben der Luxuswagen her, der dann vor der Wohnung steht. Klassischerweise fährt der Mann Mercedes, Bmw 5er oder 6er oder am besten die SUV-Variante, Bentley, Jaguar etc.! Die Damen begnügen sich meistens mit einem Smart. Und da Parkplätze in Hamburg genauso Mangelware sind wie Wohnraum parkt man eben so, wie’s begehrt. Dies führt nicht nur zu einer allgegenwärtigen und beeindruckenden Anhäufung von edlen Karossen in Reih und Glied, sondern verfestigt auch den Eindruck, dass man hier in Hamburg mit einem Statussymbol auf vier Rädern auch Sonderrechte für die StVO erwirbt. Da wird hier geradezu hemmungslos in zweiter Reihe oder in Kreuzungseinmündungen geparkt, dorten steht der Ferrari auf einem der (eigentlich kaum vorhandenen) Behindertenparkplätze in der Hafen City. Rote Ampeln oder Zebrastreifen werden ebenfalls bei Bedarf ignoriert, genauso wie Park- oder absolute Halteverbote. Der Touareg parkt zum Brötchen holen halt eben vor der Fußgängerampel, wenn sich dadurch ein schneller Besuch in der Bäckerei ermöglichen lässt. Wird meine Karre abgeschleppt, fährt Pepe mir den Nächsten vor.
So scheint der Hamburger in gewissen gesellschaftlichen Etagen vor allem auf eines bedacht zu sein: auf sich selbst. Und dazu gehört auch das “Body-Shaping” in Form von Joggen. Sonntags joggt halb Hamburg um die Wette, natürlich 1a ausgerüstet mit richtigen, teuren Laufschuhen, der Sportleggings und Stirnband. Häufig sieht man aber immer nur einen Läufer vor sich hin schlurfen und selbst dem ungeübten Betrachter fällt der ein oder andere Verbesserungsvorschlag zur Laufhaltung ein.
Auch wenn sich ein zunehmend elitärer Charakter in Hamburg einschleicht, bietet Hamburg aber auch vieles, was einen angenehmen Nachgeschmack hinterlässt. Die Kneipen- und Restaurantszene z.B. die mit vielen Geheimtipps in vielen unterschiedlichen und interessanten Locations aufwartet. Immer mehr Lounges entstehen, wie die White-Lounge oder die 20up-Bar im Hotel Riverside. Berühmte Fernsehköche haben ihre Restaurants in Hamburg und eine Hafenrundfahrt bei Bier und Brezel sollte jeder mal gemacht haben. Und über den Kiez braucht man eigentlich nichts mehr sagen.
Dennoch bin ich dankbar in Hamburg auch einmal den zweiten Blick gewagt zu haben. Umso mehr bestätigte sich mein Eindruck, in der kleinen und beschaulichen Stadt Oldenburg den richtigen Platz für mich gefunden zu haben.
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