Belek, 10.01.2011, 16:00 Uhr.
Trainingslager Werder Bremen.
Wunderschönes Frühlingswetter an der türkischen Küste. 15 Grad Celsius. Während es in Deutschland noch bitterkalt und ein Tag grauer als der andere ist, hat die Idylle im Urlaubsparadies einen ordentlichen Schönheitsfehler bekommen. Werder hat soeben eine herbe Niederlage (1:3) gegen Eskisehirspor kassiert. Es ist bereits die 2. Niederlage und das 3. sieglose Spiel in diesem Trainingslager. Und hier endet auch schon das, was ich an dieser Stelle an fachkundiger Meinung kundtun kann.
Denn es schleicht sich ein der emotionale Faktor ein. Und dieser Faktor nennt sich Frustration.
“Okay”, wird der eine sagen, “war ja nur ein olles Trainingslager, zählt doch eh nix, nächste Woche ballern wir Hoffenheim über’n Jordan!”
Mitnichten wird hier irgendwas “geballert”. Ballern tun nur die, die sowas wie “Elan” haben. Schwung, Engagement, Motivation.
Laut der Radio Bremen Sportredaktion war dies heute gegen Eskisehirspor genauso wenig zu erkennen, wie gegen den Zweitligisten MSV Duisburg, gegen den man gar 1:4 verkackte. Viel mehr noch bescheinigte man den Bremern eine “desolate Leistung, obwohl in Bestbesetzung angetreten”. Die einzige wirklich erarbeitete Torchance gab’s für Werder offensichtlich zum Schlusspfiff, welche Pizarro gnädigerweise zum Ehrentreffer verwandelte.
Wieder einmal, muss man leider sagen, blieben die Bremer hinter den Erwartungen zurück und konnten (wieder einmal) ihr Potential nicht abrufen.
Dass es (wieder einmal) nur zu einer herben Niederlage bei (wieder einmal) desolater Leistung langte verhallt (wieder einmal, aber dieses Mal) in den Weiten des Mittelmeeres.
Denn so und nicht anders äußert sich Werders Bild in der Öffentlichkeit in Mitten dieser Krise, die eine ist. Ohne wenn und aber. Offiziell wird so recht niemand kritisiert, Werder bietet nach Außen hin das Bild eines Kuschelclubs, bei dem selbst zu bräsige “Profis” jeden Scheiss zusammenspielen können, ohne dafür Gefahr laufen zu müssen öffentliche Schelte zu beziehen. In anderen Ländern wie England, Italien oder Spanien wäre die Spielweise einiger Spieler schon glatter sportlicher Selbstmord. Ab und zu (!) lässt sich Herr Allofs dann doch mal zu kryptischen Kommentaren herab, in denen er aber stets die Mannschaft als Ganzes anspricht, oder halt “den einen oder anderen”.
Das Schlimme an der aktuellen Krise ist, dass sie mit Anlauf kam.
Schon die Vorbereitung verlief äußerst unbefriedigend, der Ausfall von Naldo riss ein großes Loch in die eh schon seit je her instabile Abwehr und die Zugänge konnten sich nicht so etablieren, wie gewünscht. Hinzu kamen immer wieder neue Verletzungen von Leistungsträgern. Schon recht früh flog man aus allen anderen Wettbewerben. Im Spätherbst zog Klaus Allofs die erste Notbremse und froh zeitweise die Gehälter der Spieler ein. Grund: Verdacht auf akute Arbeitsverweigerungshaltung. Und der vorhandene Unterbau der Mannschaft offenbarte in 17 Spielen der Hinrunde ein erschreckendes Bild: dass es offensichtlich für Liga 1 kaum reicht. Erschreckend besonders: Kaum fällt Pizarro aus, läuft im Sturm nichts mehr. Und seit Naldos Ausfall unterhält Sebastian Prödl die eh schon genervten Stadionbesucher eher mit seinen ungelenken Stelzeinlagen, statt mit professionellem Fussball. Prödl ist nicht der erste Spieler der letzen Jahre, der in Krisenzeiten ran sollte, dem man aber mangelnde Technik vorwarf. Da wären noch Mr. Chancentod Rosenberg und Jurica Vranješ (bei Letzterem steht auf wikipedia nur noch bezeichnend: “aus Kader entfernt”).
Schaut man sich den aktuellen Kader an, stellt man fest: “Ok, wir sind nicht Real Madrid aber auch nicht der MSV Duisburg”.
Das Schlimme aber an genau dieser Beschreibung ist, dass in allen Mannschaftsteilen verdiente Spieler stehen, die momentan nicht (mehr) auf der Höhe sind. Ein Per Mertesacker sagt einfach gar nichts mehr, Tim Wiese ist eigentlich “nur noch bedient” (und die ärmste Sau der Welt nebenbei), Marko Arnautovic kriegt ‘nen Maulkorb verpasst, Claudio Pizarro redet von “Angreifen und Wende”, während Thorsten Frings niemanden mehr um sich haben will, der den Ernst der Lage nicht verstanden hat. Und momentan ist den Bremern die Zweite Liga näher als ein UEFA Cup Platz. Und wo geht die Reise hin? In das Unterhaus? Für neue Spieler (die sich nebenbei auch erstmal etablieren müssten) fehlt an allen Ecken und Kanten das Geld und wenn du nach jedem Spiel im Radio zu hören bekommst “Desolate Leistung aller Mannschaftsteile”, möchtest du am Liebsten die ganze Mannschaft austauschen. Da wir aber auf der Erde leben und nicht auf dem Mars oder sonstwo, wird das leider eben nicht gehen. So bleibt uns nur der Realität ins Auge zu sehen und zu erkennen, dass die Glanzzeiten von Werder Bremen wohl vorbei sind. Denn “Wunder” können wir im Sommer nicht erwarten und bis dahin muss Werder noch 17 Mal ran, um wenigstens den Ruf des Vereins zu retten.
Eigentlich bitter, wenn man dabei zuschauen muss, wie dieser aktuelle Haufen Individualisten den Glanz der letzten Jahre in nur einer Saison in Grund und Boden ruiniert…
